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Europas stärkste Antwort auf den Umbruch

 

Gastbeitrag für Die Presse, 11.02.2026

Im globalen Machtkampf droht Europas Erfolgsmodell zu verblassen. Die soziale Marktwirtschaft braucht neue Konturen

Es war wohl schon immer so: wer die Macht hat, schreibt die Regeln. Dass diese in einer Zeit der Auflösung der bisherigen Weltordnung gerade grundlegend umgeschrieben werden, stellt uns Europäer vor außergewöhnliche Herausforderungen. Wir werden sie umso besser meistern können, je klarer das politische Leitbild ist, an dem wir uns orientieren. Kann das auch in Zukunft die „Soziale Marktwirtschaft“ sein? Vieles spricht dafür!

Entstanden aus einer Nachkriegs-Allianz von christlich-sozialen, ordoliberalen und sozialdemokratischen Denkansätzen reifte sie mit der Vertiefung und Erweiterung der EU zu einem gesamteuropäischen Erfolgsmodell, das Wertschöpfung aus leistungsstarkem unternehmerischem Wettbewerb mit sozialer Stabilität und Bedachtnahme auf ökologische Grenzen verbindet.

Dieses europäische Leitmodell unterscheidet sich grundlegend von der angloamerikanischen Spielart von Marktwirtschaft. Seit wir Zeitzeugen eines in Europa nicht denkbaren Feldzuges gegen Kernelemente des Sozialstaates sind, wie etwa dem Zugang zu allgemeiner Gesundheitsversorgung und Bildung, wird dies besonders deutlich. Während die amerikanische Gesellschaft in diesen Fragen tief gespalten ist, herrscht in Europa – bei aller Unterschiedlichkeit der konkreten Ausprägung – weitgehende Übereinstimmung über die Eckpfeiler moderner, durch dynamische Marktwirtschaften getragener Sozialstaaten.

Nicht zufällig liegen die europäischen Wohlfahrtsstaaten – und mit ihnen Österreich – in jenen internationalen Ranglisten ganz vorne, die Volkswirtschaften nicht nur am Bruttosozialprodukt pro Kopf miteinander vergleichen, sondern auch nach qualitativen Kriterien: von der Lebenserwartung über Bildungschancen, Gesundheitsversorgung und Wohnmöglichkeiten bis zum Bemühen um soziale Kohärenz. Dazu kommt die Orientierung Europas an einer mitunter regulatorisch entgleisenden, insgesamt jedoch durchaus schlüssigen Umweltpolitik.

Gerade in Zeiten des Umbruchs gilt es deshalb, die zentralen Elemente des europäischen Modells der „Sozialen Marktwirtschaft“ in den Diskurs über neue globale Spielregeln des sozial- und umweltgerechten Wirtschaftens in offenen Gesellschaften einzubringen. Nur so lässt sich verhindern, dass es zum Weltkulturerbe verkommt.

Aktuelle Begriffsverwirrungen erschweren allerdings die Verwirklichung dieses Vorsatzes. So macht sich etwa in den sozialen Medien eine fundamentalistische Strömung bemerkbar, die der Sozialen Marktwirtschaft vorwirft, den Wohlstand durch Über-Sozialisierung zu zerstören. Sie findet Rückhalt in der gerade aus den USA nach Europa überschwappenden religiös-libertären Fraktion der Marktfundamentalisten a la Peter Thiel und JD Vance.

Diese steht ihrerseits innerkatholisch in krassem Gegensatz zu der vatikanischen Sichtweise, welche seit Papst Franziskus Enzyklika „Evangelii Gaudium“ bekanntlich von „heiligem Zorn“ gegen das vorherrschende Wirtschaftssystem geprägt ist. „Diese Wirtschaft tötet“ hieß es da wörtlich – so als ließen sich wirtschaftliche und gesellschaftliche Wertschöpfung nicht in Einklang bringen. Seine Vorgänger hatten da noch zuversichtlicher geklungen und – so Papst Benedikt in „Caritas in Veritate“ – für die Verwirklichung einer sozial verantwortlichen und nach dem Maß des Menschen ausgerichteten wirtschaftlich-produktiven Ordnung plädiert.

Auch Papst Leo XIV. übte im Mai vergangenen Jahres in seiner Inaugurationsrede grundsätzliche Kapitalismus-Kritik, ohne Wirtschaftsmodelle zu erwähnen, die mit klugen Regeln für Wohlstand und sozialen Ausgleich sorgen. Rom erschwert es damit der jüngeren Generation, sich an sozial-marktwirtschaftlichen Modellen zu orientieren, die für handfesten wirtschaftlichen und sozialen Wohlstand sorgen, statt sich in der ausweglosen Dichotomie von Kapitalismus und Weltenrettung zu verfangen. Es ist zu hoffen, dass es hier in absehbarer Zeit – gerade angesichts des Kontrasts zwischen den US-amerikanischen und den europäischen Entwicklungen – doch noch zu einer Kursänderung kommt.

Dass die Kirche in ihren öffentlichen Äußerungen die Soziale Marktwirtschaft ausblendet, ist umso erstaunlicher, als diese doch ihren Ursprung Persönlichkeiten sowohl ordo-liberaler als auch ausdrücklich christlich-sozialer Prägung verdankt. Es seien nur einige Namen beispielhaft genannt: Walter Eucken für die Freiburger Schule des Ordo-Liberalismus, Alfred Müller-Armack und Wilhelm Röpke als prägende Vordenker, sowie Ludwig Erhard als deren couragierter Umsetzer. Deutschlands Finanzminister (1966-1972) Karl Schiller schließlich verankerte das Konzept mit seinem Ansatz „So viel Wettbewerb wie möglich, so viel Planung wie nötig“ in der Sozialdemokratie.

In ihrer Mehrzahl vernachlässigen heute wohl auch die Universitäten die Weiterentwicklung der Ordnungspolitik als Teil einer politischen Ökonomie, wie sich noch während meiner Studienzeit in den Siebzigerjahren die Volkswirtschafts-Institute prägte. Politische Ökonomie kommt vorwiegend als politisierende Ökonomie vor, allzu selten hingegen als in die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte eingebettetes Forschungsfeld über sozialökonomische Zusammenhänge. Das öffentliche Nachdenken darüber wird zusehends Soziologen und Philosophen überlassen.

Auch in Teilen der Medien hat sich eine Systemkritik etabliert, die marktorientierte Wirtschaftssysteme allzu eilfertig in Frage stellt. Im Mahlstrom dieses „Weltuntergangs-Diskurses“ (Matthias Horx) werden Fehlentwicklungen nicht mehr als Ausnahme von der Normalität wahrgenommen, sondern als Beweis für das Nicht-Funktionieren des Ganzen. Dies verschärft die gefährliche Legitimationskrise unseres Wirtschaftssystems.

Dabei wäre gerade jetzt der geeignete Zeitpunkt für eine eigenständige Agenda, die dem europäischen Modell endlich auch globale Konturen verleiht:

Offensive Freihandelspolitik mit bisher vernachlässigten Marktpartnern; nachhaltige Energie- und Rohstoffallianzen zur Verminderung von politischen Abhängigkeiten; Bildungspolitische und wirtschaftliche Aufbauprogramme für in der Armutsspirale verfangene Staaten in einer den Rüstungsbudgets vergleichbaren Größenordnung; Konzentration der Flüchtlingshilfe auf die Herkunftsländer und deren Nachbarstaaten; Umsetzung einer gemeinsamen Sicherheitspolitik; Fortsetzung des umweltpolitischen Kurses gegen Ressourcenverschwendung und Klimazerstörung: Nur so wahrt Europa seine Chance, gestärkt aus der Krise hervorzugehen.

Auch wenn das in Grundsatzdebatten meist zu kurz kommt: Europa fährt gut mit seinem Modell einer inklusiven Ökonomie, die Wertschöpfung mit sozialem Ausgleich verbindet. In messbarem Kontrast zum einseitig finanzkapitalistisch gesteuerten US-Modell bietet es einen Spielregel-Rahmen, der systemische Krisen im Zaum zu halten hilft und das Versprechen weiterhin erfüllbar macht, dass aus marktwirtschaftlicher Wertschöpfung „Wohlstand für alle“ (© Ludwig Erhard) geschaffen werden kann. Dieses zentrale sozial-ökonomische Element europäischer Identität sollten wir nicht leichtfertig aufgeben.

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