die furche - 79

Fragen, wohin die Reise geht

 

„Dann eben ohne England“: viele der Diskussionen über den Ausgang des jüngsten europäischen Krisengipfels kreisen um die Frage, ob es nicht ehrlicher wäre, die immer schon komplizierte Beziehung zwischen dem Kontinent und den Inseleuropäern durch eine Scheidung zu klären. Ohne oder mit EU-Mitgliedschaft bleibt Großbritannien jedoch zutiefst europäisch. Erst kürzlich fand ich das wieder an einem Beispiel aus dem Bereich der Kunst bestätigt

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Eine London-Reise führte mich in die „Tate Britain“ – so heißt die ehemalige Tate Gallery, seit die zeitgenössische Moderne in einen Kraftwerks-Museumsbau an das Südufer der Themse umgesiedelt wurde. In einem verdunkelten, zum Kino-Oktogon umfunktionierten Ausstellungsraum stieß ich auf ein Werk des Konzeptkünstlers Mark Wallinger. „Threshold to the Kingdom“ nennt der 1959 geborene Turner-Preisträger sein elfminütiges Video über Szenen in der Ankunftszone des Flughafens Heathrow.

 

Die „Handlung“ ist denkbar einfach: Durch eine sich automatische öffnende und wieder schließende Doppeltür unter der Leuchtschrift „International Arrivals“ schreitend, erreichen die aus allen Himmelsrichtungen Ankommenden ihr Ziel. Sie wissen nicht, dass sie gefilmt werden. In Zeitlupe schwebend treten sie in unterschiedlichen, merkwürdig beziehungslosen Formationen auf, sich vereinzelnd, unsicher Anschluss suchend, manchmal am Ende ihrer Reise von Anderen endlich in die Arme genommen. Ein Einreise-Beamter hinter seinem Pult registriert die Ankünfte teilnahmslos.

 

Das paradigmatische Film-Kunstwerk lässt offen, ob es sich bei den Übertritten der Ankommenden in das „Kingdom“ bloß um das Vereinigte Königreich handelt oder um einen Vorraum göttlicher Zeitlosigkeit. Die Sphärenklänge des „Miserere Mei, Deus“ von Gregorio Allegri – allerschönste geistliche Musik der Hochrenaissance – machen aus den in einer Endlosschleife wiederholten Szenen erst recht eine Metapher für unsere Suche nach letzten Zielen langer Lebensreisen. Der Künstler bezeichnet solche Interpretationen in Interviews als zulässig, ja sogar erwünscht.

 

Als ich kürzlich eingeladen war, im „Kulturjournal“ des ORF den Kinofilm „Der Große Crash – Margin Call“ ökonomisch zu kommentieren, fielen mir die geschilderten Szenen wieder ein. Dieses moderne Kammerspiel des Kasinokapitalismus zeigt Berufsalltag und Motivationen von Akteuren, die gar nicht vorgeben, an anderes als an kurzfristige Vorteile zu denken. In ihren scheinbar alternativlosen, hektischen Aktivitäten werden selbst Hochbegabte zu jederzeit austauschbaren Erfüllungsgehilfen.

Kevin Spacey in der Rolle des längst dienenden unter den Geldhändlern stellt dann mitten in der Krise plötzlich die Frage „Wann haben wir nur begonnen, den Überblick zu verlieren?“. Und er entdeckt, dass er die Antwort darauf ab sofort nicht mehr vom „System“ erwarten darf. Er muss sich künftig selbst fragen, wohin die Reise geht.

Vergleichbares gilt – mit oder ohne England –  wohl auch für die Staaten der Europäischen Union.

15. Dezember 2011

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