Klartext 41

Plädoyer für Zinsstabilität

 

Notenbanken steuern das Schicksal von Währungen. Indem sie die Geldmenge so austarieren, dass sie im Einklang mit der realwirtschaftlichen Dynamik steht, sorgen sie für Stabilität. Die EZB verfolgt diese Ziele als Notenbank der Eurozone mit durchaus beachtlichem Erfolg. Sie lernt aus Krisen wie der Finanzkrise 2008 und adaptiert ihre Instrumente, wenn es unausweichlich wird. Der Stabilitätsmechanismus zur Abwehr der Staatsschuldenkrise zeigte 2015, wie das geht.

In Zeiten des Umbruchs der globalen Kräfteverhältnisse wächst ihr nun eine noch weiter ausgreifende Aufgabe zu: als Steuerungsgremium der zweitwichtigsten Leitwährung der Welt wird sie zum geldpolitischen Begleiter der EU bei der Umsetzung eines notgedrungen immer umfassenderen geopolitischen Gestaltungsanspruchs.

Vor diesem Hintergrund erstaunt, dass uns die EZB medial meist nur als Bestimmungskraft des jeweiligen Leitzinses begegnet. In einer geradezu dogmatischen Orientierung an Inflationsdaten weckt sie – trotz vorläufigen Aufschubs – die Erwartung, angesichts der durch den Nahost-Krieg hoch getriebenen Inflation am Ende doch den Leitzins anheben zu müssen.

Es zeigt sich jedoch, dass mechanistische Zins-Reaktionen auf von unvorhersehbaren Schocks verursachte Preisbewegungen nicht genügen können, zumal höhere Zinsen die Konjunktur noch stärker dämpfen würden als ohnehin zu erwarten ist. Von daher wäre zu hoffen, dass sich die EZB in Abkehr von einseitiger Inflations-Fokussierung dazu durchringt, auf absehbare Zeit beim derzeitigen Zinsniveau zu bleiben.

Sollte dies zu einer vorübergehenden Schwächung des Euro-Kurses gegenüber dem US-Dollar führen, dessen Abwertung in Folge der Trump´schen Zollpolitik den USA handelspolitisch massiv geholfen hat, wäre das nicht zu Europas Nachteil.

14. Mai 2026

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