Die bildungspolitische Auseinandersetzung um gekürzte Lateinstunden zugunsten digitaler und demokratiepolitischer Inhalte konnte nach hitzigen Diskussionen mit einem Kompromiss befriedet werden: ab 2027 werden Jugendliche in Medienkompetenz, Demokratie und Künstlicher Intelligenz unterrichtet. Möglich wird dies durch schulautonome Umschichtungen von Sprachstunden und Fächerschwerpunkten. Eine „Causa locuta“ also – und das ist durchaus gut so!
Dennoch sei ein kritischer Nachtrag erlaubt: in einem Land, in dem ganze 6,3 Prozent der SchülerInnen Latein lernen, schienen mir die glühenden Proteste der Kürzungsgegner überzogen und an der bildungspolitischen Wirklichkeit vorbei zu zielen. Zumal im Eifer des Protests bedauerlicherweise übersehen wurde, dass eine Überbewertung des Lateinerwerbs zu einer höchst irritierenden Entwertung aller anderen Ausbildungswege führt. Auch jenen drei NobelpreisträgerInnen, die eine Petition mitunterzeichnet haben, ist das wohl entgangen.
Denn so wertvoll Latein für ausgewählte Studienrichtungen wie Jus, Medizin oder gar Theologie sein mag: die wesentlichen Anforderungen dafür lassen sich durchaus mit einem maßgeschneiderten Latinum abdecken. Und natürlich bleibt es freigestellt, darüber hinaus reichende, gymnasiale Latein-Angebote wahrzunehmen.
Nichts rechtfertigt jedoch, sich über naturwissenschaftliche, technische, sozialwissenschaftliche und wirtschaftliche Ausbildungswege zu erheben, die weniger Latein voraussetzen. Ein ganzheitlicher, humanistischer Bildungsbegriff schließt ganz selbstverständlich diese und weitere Studien ein. Sie alle leben davon, dass über die Fachinhalte hinaus soziale Intelligenz, umfassende „literacy“ und Offenheit für gegenseitige Verständigung erworben wird. Erst dann wird Bildung daraus!
16. April 2026