Beitrag für CONTUREN 2025
„Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen, als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, wenn hinten, weit, in der Türkei, die Völker aufeinanderschlagen. Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus und sieht den Fluss hinab die bunten Schiffe gleiten; dann kehrt man abends froh nach Haus, und segnet Fried und Friedenszeiten.“ Diese weltflüchtigen Verse legte Johann Wolfgang von Goethe im ersten Teil seines „Faust“-Dramas einem biederen Bürger in den Mund. In Zeiten totaler Gleichzeitigkeit und Grenzenlosigkeit globaler Information ist uns eine derartige Distanz zu beunruhigenden Ereignissen in fernen Weltgegenden wahrlich nicht mehr gegönnt.
Wir können nicht mehr Nicht-Wissen, was sich auf der Welt tut. Mit dieser Tatsache emotions-ökonomisch so umzugehen, dass man weder zum Ignoranten noch wahnsinnig wird, erweist sich als Teil einer ganz eigenen Lebenskunst. Wohl selten zuvor wurde gerade den Angehörigen einer von politischen Erfolgserlebnissen verwöhnten Generation bewusst, wie gefährdet unsere Zivilisation der verantworteten Freiheit ist.
Die Fortsetzung des seit dem Wiederaufbau und ersten Schritten in Richtung europäischer Einigung über Jahrzehnte andauernden Erfolgskurses – von der Ostöffnung über die Gründung des Binnenmarktes, der Einführung des Euro bis zur erfolgreichen EU-Erweiterung – wird in immer dichterer Folge durch disruptive Ereignisse erschwert. Der Handlungsbogen spannt sich von der Welt-Finanzkrise 2008 über den Covid-Schock bis zum Ukraine- und Nahost-Krieg. Dazu kommen die Folgen einer zügig voranschreitenden geopolitischen Fragmentierung in neue Wirtschaftsräume und Einflusszonen.
Zwar verlauteten schon bald nach dem Fall der Mauer 1989 und der nachfolgenden Öffnung ehemaliger Planwirtschaften für Demokratie und Marktwirtschaft erste Warnrufe vor den Folgen einer „monopolaren Weltordnung“[1] oder gar einer „Globalisierungsfalle“[2]. Dennoch blieb bis zum Ausbruch der großen Finanzkrise die Vision einer Globalisierung, die „Wohlstand für Alle“[3] im weltweiten Maßstab bringen sollte, weitgehend intakt. Francis Fukuyama prägte dafür die euphemistische Metapher vom „Ende der Geschichte“.[4]
Globalisierung galt über gut zwei Jahrzehnte als der positiv aufgeladene Überbegriff für weltumspannende Informations-, Güter- und Geldflüsse im Rahmen einer regelbasierten Weltordnung. Mittlerweile hat jedoch das damit verbundene Versprechen einer selbsterfüllenden Prophezeiung durch ein ganzes Bündel unkontrollierbarer Entwicklungen an Glaubwürdigkeit verloren. Nur einige davon seien beispielhaft genannt:
Die Realwirtschaft gerät zunehmend in Abhängigkeit von einer Finanzwirtschaft, die seit der Finanzkrise 2008 trotz zum Teil überbordender Regulierungen noch in keine verlässliche „neue Normalität“ zurückgefunden hat. Unregulierte Schattenbanken und eine weitgehend unkritische Haltung der Aufsichtsbehörden zu Krypto-Assets verunsichern und führen zur Vertagung von Konsum- und Investitionsentscheidungen. Traditionelle Wertschöpfungs-Prozesse werden durch die Intransparenz des globalen Steuersystems und „Windfall-Profits“ aus spekulativen Veranlagungen benachteiligt.
Trotz beachtlicher umweltpolitischer Teilerfolge bedroht die durch immer noch zunehmenden CO2-Ausstoß verursachte Klimakrise die Lebensgrundlagen kommender Generationen. Die energiepolitische Transformation dauert länger als erhofft, der Energieverbrauch durch Staaten, die erfolgreich zu Massenwohlstand finden, wächst überproportional. Überdies geht die rasant wachsende Digitalisierung mit exponentiell zunehmendem Energieverbrauch einher. Auch verschärfen die ökologischen Nebenwirkungen eines Welthandels- und Logistiksystems, das die Umweltkosten des Transports nach wie vor weitgehend unberücksichtigt lässt, das Klima-Problem
Zu all dem kommt seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine die Wahrnehmung neuer, einander überlagernder Problemfelder im geopolitischen Spiel: Lieferkettenprobleme, vor allem aber Abhängigkeiten bei Schlüsselprodukten der Digitalwirtschaft, ebenso bei fossilen Brennstoffen, seltenen Erden und kritischer Infrastruktur. China nimmt seine Rolle als führende Wirtschaftsmacht Asiens mit zunehmendem Macht- und Selbstbewusstsein wahr.
Schließlich wird die bei aller Unvollkommenheit jahrzehntelange gut eingespielte globale Spielanordnung des Welthandels durch die erratische Zollpolitik des US-Präsidenten in Verbindung mit (Handels-)kriegsbedingten Sanktionen und Lieferblockaden sukzessive ge- oder sogar zerstört. Noch ist offen, wie ein neues, aus veränderten Kräfteverhältnissen hervorgehendes Regelwerk aussehen wird.
Dass Europäisierung und Globalisierung vor diesem Hintergrund einem Vertrauensschwund ausgesetzt sind, trägt zur Aushöhlung der politischen Mitte durch fundamentalistische und nationalistische Bewegungen am äußeren linken und rechten Rand des politischen Spektrums bei. Diese wachsen auf Kosten der traditionellen Großparteien christdemokratisch-liberaler wie sozialdemokratischer Ausprägung.
Überdies führt die offenkundige migrationspolitische Überforderung Europas zu einer Erosion des Grundvertrauens in das politische System und seine Repräsentanten. Nach Jahrzehnten des Aufbruchs und der Kohärenz gerät das uns vertraute Europa damit zusehends in Gefahr, zu einer „Welt von Gestern“[5] zu werden.
Ordnungspolitik statt Erfolgsvergessenheit
Jeglicher Fluchtweg in einen Ausstieg aus der Globalisierung („Globexit“) ist jedoch versperrt. Es gibt – und das ist gut so – trotz mancher Etappensiege der Vorreiter einer Re-Nationalisierung kein Zurück in die Welt vermeintlich geschützter, abgeschirmter National-Ökonomien oder gar letztlich ausnahmslos gescheiterter Planwirtschaften.
Vielmehr gilt es, auf nationalstaatlicher, europäischer wie globaler Ebene zeitgemäße Antworten auf die entscheidende Ausgangsfrage jeder Wirtschaftsordnung zu finden: Wie ermöglicht man einer möglichst großen Zahl von Menschen die Teilnahme am Wertschöpfungsprozess einer arbeitsteiligen Ökonomie – und wie lassen sich aus dessen Verteilmasse die gemeinschaftlichen Ziele in den zentralen staatlichen Bereichen der Sicherheit, des Rechtsstaates, der Sozialfürsorge, Bildung, Gesundheit und Infrastruktur finanzieren?
Eben diese Frage nach dem „Cui Bono“ wirtschaftlichen Handelns im Rahmen einer wohl durchdachten Wirtschaftsordnung ist – jedenfalls in der europäischen Denktradition – der entscheidende Schlüssel für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Um darauf die richtigen Antworten zu finden, bedarf es einer Orientierung an Werten, die nicht aus dem Marktsystem selbst ableitbar sind. weil nun einmal „der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er nicht selbst garantieren kann“[6]
So selbstverständlich dieser Grundsatz auch klingen mag: In der einseitigen Orientierung an einem nach der Ostöffnung vermeintlich ganz von selbst zu den erwünschten Resultaten führenden, von politisch gesetzten Rahmenbedingungen kaum beeinflussten, gewissermaßen „monotheistischen“ Marktmodell wurde die konsequente Weiterentwicklung der Sozialen Marktwirtschaft als ordnungspolitisches Modell sukzessive vernachlässigt.
Zu dieser Erfolgsvergessenheit mitten im europäischen Aufbruch mag beigetragen haben, dass die Träger der politischen und wirtschaftlichen Verantwortung im Zuge der EU-Erweiterung und der Schaffung einer Gemeinschaftswährung vor allem damit beschäftigt waren, eine weitgehende Angleichung der finanz- und steuerpolitischen Spielregeln an jene der USA voranzutreiben. Dies schwächte die Position der Sozialen Marktwirtschaft als Systemalternative zum „neoliberalen“, anglo-amerikanisch geprägten Modell.
Ordnungspolitik als Überbegriff einer für Europa charakteristischen Spielregel-Hoheit der Politik gegenüber dem Markt, wurde sukzessive verdrängt oder gar grundsätzlich in Frage gestellt.
Varianten des Systemwandels nach dem Mauerfall
Die Implosion des sowjetischen Imperiums ermöglichte nach Jahrzehnten des kommunistischen Diktats ab Anfang der Neunzigerjahre das Entstehen selbstständiger Staaten, die es in unterschiedlicher Geschwindigkeit und Ausprägung schafften, einen demokratisch-marktwirtschaftlichen Weg einzuschlagen. Die praktische Umsetzung der Vision von einer Durchdringung der Welt mit rechtsstaatlichen Markt-Demokratien, die zu breitem Wohlstand und der Ausbildung sozialstaatlicher Strukturen führen, erwies sich allerdings vielerorts als zunächst schwieriger als erwartet.
Dies galt vor allem für jene Staaten, in denen überhastete Übergänge von Staatswirtschaften zu von Oligarchen beherrschten Ökonomien mit einer vielfach durch Eigeninteressen korrumpierten politischen Führung zu unbefriedigenden Ergebnissen führten. Nicht selten kam es zu intransparenten Übergängen des Eigentums an ehemaligen Staatsunternehmen an System-Insider der alten Eliten.
Einige der in späterer Folge der EU beigetretenen Länder des ehemaligen „Ostblocks“ entschieden sich aus durchaus nachvollziehbaren Gründen zunächst für den größtmöglichen Abstand von einer Staatswirtschaft, die sie jahrzehntelang in Unfreiheit, Ineffizienz und in einer erzwungenen Gleichheit der Lebensumstände gehalten hatte. Václav Klaus, zu Anfang der Neunzigerjahre tschechoslowakischer Finanzminister und späterer tschechischer Staatspräsident, proklamierte in diesem Sinn eine „Marktwirtschaft ohne Vorzeichen“. Auch Polen orientierte sich durchaus erfolgreich am anglo-amerikanischen Modell.
Nichtsdestotrotz wurden nach Jahren des Übergangs in der Mehrzahl der neuen Marktwirtschaften Mittel- und Südeuropas die wesentlichen Merkmale des europäischen, sozial-marktwirtschaftlichen Modells wirksam. Dieses steht für eine ausgeprägte ordnungspolitische Rolle des für die Spielregeln des Wettbewerbs verantwortlichen Staates, für ein überwiegend der Realwirtschaft dienendes Finanzierungssystem, moderate Ungleichheit in der Einkommensverteilung sowie offene Zugänge zum Bildungs- und Gesundheitssystem.
Zu jenen Ländern, die die Runderneuerung ihres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems unter Inkaufnahme größter Anstrengungen und mitunter wohl auch schmerzhafter Veränderungsprozesse geradezu mustergültig bewältigt haben, zählen im Übrigen die baltischen Staaten, denen als ordnungspolitisches Vorbild das erfolgreiche sozial-marktwirtschaftliche Modell der skandinavischen Nachbarn diente.
Für die Akzeptanz der europäischen Spielregeln durch die große Mehrheit der im Zuge der EU-Erweiterung neu hinzugetretenen Mitglieder erwies es sich als entscheidend, dass die Übernahme des „acquis communautaire“ und damit des gesamten spezifisch europäischen, demokratisch-marktwirtschaftliche Normensystems Beitritts-Voraussetzung war. Eben diese ordnungspolitische Weichenstellung in Richtung gemeinsamer Spielregeln ermöglichte eine erfolgreiche Binnen-Globalisierung.
Autoritäre Konkurrenz zu offenen Markt-Gesellschaften
In Russland selbst blieb jedoch – ebenso wie in einer Reihe von ihm abhängiger Nachbarstaaten – ein grundlegender Systemwandel in Richtung gesellschaftlicher Offenheit, Wettbewerbswirtschaft und demokratisch-sozialstaatlicher Ordnung aus – und damit auch die andernfalls erwartbaren gesamtwirtschaftlichen Erfolge.
Einen geradezu drastischen Beleg dafür lieferten die chaotischen Vorgänge im Übergang von der Gorbatschow- auf die Jelzin- und schließlich Putin-Ära in der ehemaligen Sowjetunion. Intransparenz und an Oligarchen- und Geheimdienst-Interessen orientierte Schein-Privatisierungen verhinderten, dass eine freie Wettbewerbswirtschaft mit entsprechendem Wohlstand für breite Bevölkerungsschichten entstehen konnte. Alternative, dem europäischen Vorbild folgende Entwicklungspfade wurden politisch unterdrückt.
Russland gewann dennoch – trotz des mutwillig vom Zaun gebrochenen Ukraine-Krieges – zuletzt in jenen Staaten an Einfluss, die sich als Widerpart zu amerikanischen und europäischen demokratischen Marktwirtschaften im BRICS-Bündnis[7] zusammenfinden. Die Mehrzahl der darin vertretenen Regime – aus Teilen der islamisch-fundamentalistischen Welt, des arabischen Raumes, Afrikas, aber auch – am Beispiel Venezuelas – Süd- und Mittelamerikas, verschließt sich dauerhaft einer demokratischen Öffnung. Marktmacht hingegen wird durchaus gesucht – vorzüglich über die Beherrschung von Rohstoff- und Energievorkommen.
Thomas Friedman beschrieb in „The World is flat“[8] schon 2005 geradezu visionär und höchst anschaulich, wie auf dem globalen Wettbewerbs-Spielfeld zeitgleich verschiedenste Teams nach ganz unterschiedlichen Regeln kämpfen. Bildhaft ausgedrückt: Freistilringer-Gruppen aus Staaten ohne verbindliche soziale und ökologische Mindeststandards treten gegen extrem regelgebundene Spieler aus sozialen und ökologischen Best-Practice-Staaten an.
Dazu kommt eine offene oder versteckte Konkurrenz zwischen den Steuer-Wohnsitzstaaten von Unternehmen, durch die der Wettbewerb nicht nur global, sondern auch innereuropäisch verzerrt wird. Eine globale Einigung auf Mindeststandards für faire Besteuerung liegt jedoch trotz gegenteiliger Absichtserklärungen in weiter Ferne.
Wohl schon immer galt: Wer die Macht hat, macht die Regeln. Dass jedoch die Regeln zusehends von Staaten mitbestimmt werden, die mit ihren Macht-Modellen im Gegensatz zu jenen des traditionell demokratischen „Westens“ stehen, ist doch einigermaßen neu. Die im Gang befindliche Neuordnung der geopolitischen Kräfteverhältnisse geht jedenfalls weit über frühere Konstellationen hinaus, in denen sich rohstoffreiche Staaten machtpolitisch hervortaten.[9]
Derweil setzt China mit seinem kapitalistischen Einparteiensystem auf dem Weg zur führenden Wirtschafts-Weltmacht völlig neue Fakten, indem es sich bei mittlerweile vollständiger Einbeziehung in die Welthandels- und -Kapitalströme (und damit in die Vorteile des Wettbewerbssystems) jede Einmischung in nationale demokratiepolitische, soziale und ökologische Standards verbietet, zugleich jedoch aus einer lange übersehenen technologischen und rohstoffseitigen Führungsposition heraus höchst machtbewusst agiert.
In Anlehnung an das mit seinem stark wachsenden Breiten-Wohlstand und unternehmerischen Spitzenleistungen erfolgreiche chinesische Modell experimentiert in den letzten Jahren – von Vietnam bis zu den Golfstaaten – eine ganze Reihe weiterer Länder mit der Gleichzeitigkeit von Markt- und Wettbewerbsoffenheit mit autokratischen Herrschaftsformen.
Längst erhebt China gegenüber seinen neuen Allianzpartnern ebenso wie gegenüber den traditionell „westlichen“ Geschäftsfreunden deshalb den Anspruch, auch bei der Entwicklung neuer globaler Spielregeln federführend zu sein. Anlässlich der Zusammenkunft der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit im Sommer 2025[10] betonte Präsident Xi Jinping Grundsätze globaler Zusammenarbeit mit dem Anspruch, eine Alternative zur westlich geprägten Weltordnung zu entwickeln.
Die überfällige Wiederentdeckung der Politischen Ökonomie
Bis heute fehlt im Übrigen eine schlüssige wirtschaftstheoretische Einordnung derartiger Mischmodelle von freier Wettbewerbswirtschaft und Autokratie – wohl auch, weil die Wirtschaftsforschung von der modellhaften Dualität von Markt- und Planwirtschaft geprägt scheint, wie sie bis zum Fall des Eisernen Vorhanges vorherrschend war.
Während sich die Nationalökonomie in ihrer Spaltung in Makro- und Mikroökonomie allzu oft in perfekt durchkonstruierte marktmechanistische oder verhaltensökonomische Modelle verliert, blendet sie das politische Umfeld weitgehend aus. Die angesichts der geschilderten geopolitischen Kulisse dringend gebotene Weiterentwicklung der Ordnungspolitik wird dadurch vernachlässigt.
Politische Ökonomie tritt zunehmend als politisierende Ökonomie hervor, nicht jedoch als in die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte eingebettetes Wissensgebiet über sozialökonomische Grund-Zusammenhänge. Das öffentliche Nachdenken darüber wird zusehends Soziologen und Philosophen überlassen, die jedoch selten mit ökonomischen Grundkenntnissen ausgestattet sind.
Auch in Teilen der klassischen ebenso wie der sozialen Medien hat sich eine Systemkritik etabliert, die marktorientierte Wirtschaftssysteme allzu eilfertig in Frage stellt. Im Mahlstrom dieses „Weltuntergangs-Diskurses“ (©Matthias Horx) werden Fehlentwicklungen nicht mehr als Ausnahme von der Normalität wahrgenommen, sondern als Beweis für das Nicht-Funktionieren des Ganzen. Die damit einhergehende Legitimationskrise unseres Wirtschaftssystems ist jedoch mangels fundamentaler Systemalternativen durchaus gefährlich.
Noch so berechtigte Systemkritik sollte jedenfalls nicht dazu führen, dass die Marktwirtschaft als grundlegender Motor der Wertschöpfung geschwächt und wie das sprichwörtliche Kind mit dem antikapitalistischen Bad ausgeschüttet wird. Naheliegender und wesentlich zielführender wäre indessen, die Erfolgsgeschichte einer demokratisch fundierten, sozial und ökologisch verantworteten Marktwirtschaft durch ein Bündel entschiedener Reformen fortzuschreiben. Nur so kann – jenseits von Aktionismus und Resignation – die schleichende Legitimationskrise eines im Grundsatz höchst bewährten Wirtschaftssystems überwunden werden.
Wie aber ließe sich die Substanz dieses Modells unter den Bedingungen der Globalisierung grundlegend erneuern? Antworten auf diese Frage mögen leichter fallen, wenn man sich seine Geschichte in Erinnerung ruft.
Am Anfang war die „unsichtbare Hand“
Die frühindustrielle Marktwirtschaft war ein Konzept der Aufklärung. Sie wurde erstmals modellhaft von dem Moralphilosophen Adam Smith formuliert, als zu beobachten war, dass die größer gewordene Freiheit der englischen Bürger des 18.Jahrhunderts mit dem Rückenwind neuer Technologien eine vorher nicht dagewesene materielle Blüte hervorbrachte. Smith[11] knüpfte das Funktionieren des Marktes an bestimmte zivilisatorische Standards. Seine „unsichtbare Hand“, jener wundersame, spontane Mechanismus, mit dem in einer arbeitsteiligen Wettbewerbswirtschaft aus millionenfachen eigennützigen Aktivitäten der Marktteilnehmer gesamtwirtschaftlicher Wohlstand entsteht, setzt nämlich die Einhaltung selbstverständlicher moralischer Grundregeln wie etwa der Vertragstreue voraus.
Diese letztlich dem Kant´schen Kategorischen Imperativ entsprechende Sichtweise liegt allen Spielarten konstruktiver Ordnungspolitik zugrunde: durch die Arbeit an den richtigen Rahmenbedingungen darauf zu achten, dass unsere freie Gesellschaft im Wesentlichen jenen Maßstäben folgt, die, wenn sie allgemein werden, die Freiheit und mit ihr die Grundlage aller moralischen Werte weiter fördern. Denn, so Friedrich August von Hayek, „das System selbst ist nur ein Mittel, und seine unendlichen Möglichkeiten müssen im Dienst von Zielen genützt werden, die für sich stehen.“[12]
Vitale Wettbewerbswirtschaft als Mittel zum Zweck gesamtgesellschaftlichen Wohlergehens: eben darin liegt der größte gemeinsame Nenner all jener, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg hinter der Sozialen Marktwirtschaft und verwandten ordnungspolitischen Modellen versammelt haben. Sie entstanden als klare Alternative zu Laissez-faire ebenso wie Planwirtschaft und dienten später, nach dem Ende des Kalten Krieges, als Vorbild für die Systemtransformation vieler der ehemaligen Länder des so genannten „Ost-Blocks“.
Entscheidendes Gestaltungsprinzip dieser ideellen Allianz ordoliberaler, säkulär-humanistischer ebenso wie christlich-sozialer Haltungen ist dabei das politisch verantwortete Zusammenspiel von Rahmenbedingungen und Marktdynamik. Oder anders: der Einsatz des Entdeckungsmechanismus Markt und seiner unübertrefflichen Wertschöpfungspotentiale für die Schaffung von Wohlstand für möglichst viele bei gleichzeitigem sozialem Ausgleich für die Schwächeren und – diese Hinzufügung stammt aus den Siebzigerjahren – einem auf Nachhaltigkeit angelegten Umgang mit der Umwelt.
Diese ganzheitliche Sicht bewährte sich nicht nur als ideelle Gründungsplattform des deutschen Wirtschaftswunders, sie wurde letztlich auch zur ordnungspolitischen Wertebasis der Europäischen Union. Weil jedoch der Diskurs über die Weiterentwicklung eines in kluge Rahmenbedingungen eingebetteten Marktsystems schon seit längerem erlahmt, wächst das Risiko, bei ungeduldigen Systemkritikern bestenfalls auf wohlwollende Ignoranz, schlimmeren Falls auf Fehlinterpretationen aller Art zu treffen. Zusehends verschaffen sich so in der öffentlichen Meinung Rufe nach dem ganz Anderen Gehör. Das Spektrum reicht von neomarxistischen Retro-Rezepten über Kommunitarismus und allerlei Varianten der Post-Wachstumsökonomie bis hin zu radikalliberalen Plädoyers für noch weniger Staat.
Bedauerlicherweise trägt die Katholische Kirche mit ihren seit Papst Franziskus beinahe ausschließlich marktkritischen Äußerungen zur Ausdünnung des ordnungspolitischen Diskurses bei und erweckt den Eindruck, sich von früheren ideellen Koalitionen mit ordoliberalen Denkhaltungen zurückgezogen zu haben. Die aufrüttelnden Passagen in seinen Enzykliken gegen eine „Wirtschaft die tötet“[13] trugen zweifellos zur Verschärfung der Legitimationskrise unseres Wirtschaftssystems bei. Zugleich stieg damit die Gefahr, aus heiligem Zorn gegen manifeste Entgleisungen des Finanzkapitalismus das Kind mit dem Bade auszuschütten.[14]
Erneuerung einer erfolgreichen Werteallianz
Es scheint in Vergessenheit geraten zu sein, dass die Soziale Marktwirtschaft in ihrer Entstehung jedenfalls auch maßgeblich von christlichen Werten und der christlichen Soziallehre mit ihren Eckpfeilern der Personalität (Freiheit und Verantwortung), Subsidiarität und Solidarität/Gemeinwohl mitgeprägt war. Ihre Allianz mit ordoliberalen Grundsätzen, die sich aus aufklärerisch/philosophischen Denktraditionen herleiten, hat sich lange bewährt. Nicht zufällig bezieht sich ja der Begriff „Ordo“ auf jene Denkmethode der Scholastik, mit der man sich schon vor der Aufklärung in den fortschrittlichen, weltzugewandten Orden darum bemühte, Glaube und Vernunft miteinander zu vereinbaren, indem man religiöse Lehren mit philosophischen Mitteln begründete.
Den größten gemeinsamen Nenner der ordnungspolitischen Werteallianz formulierte Wilhelm Röpke wörtlich so: „Die Marktwirtschaft ist nicht alles. Sie muss in eine höhere Gesamtordnung eingebettet werden, die nicht auf Angebot und Nachfrage, freien Preisen und Wettbewerb allein beruhen kann“.
Peter F.Drucker, der aus Österreich stammende, in den USA höchst erfolgreiche “Erfinder“ des modernen Managements, formulierte den selben Denkansatz ganz pragmatisch so: „Freie Marktwirtschaft kann nicht damit gerechtfertigt werden, dass sie gut für die Wirtschaft ist, sie kann nur damit gerechtfertigt werden, dass sie gut für die Gesellschaft ist“.
Als einer der bedeutendsten Proponenten der Christlichen Soziallehre stellte Johannes Schasching außer Streit, dass Markt und Marktwirtschaft – im Rahmen der richtigen Ordnung – der Freiheit des Menschen und einer freien Gesellschaft entsprechen, während die Kollektivwirtschaft beides zerstöre. Er benannte Eigentum, freie Arbeit, Unternehmertum und Markt als wichtige Bausteine einer erfolgreichen Wirtschaftsordnung, fügte jedoch ausdrücklich hinzu, dass der Markt allein noch keineswegs automatisch das Wohl aller garantiert, weil er von Verfälschungen und Macht bedroht ist: „Auf die Dauer wird eine Wirtschaft nur dann effizient sein, wenn sie nicht nur sachgerecht, sondern auch menschengerecht, gesellschaftsgerecht und umweltgerecht gestaltet ist.“[15]
Es wäre im Sinn dieser Tradition höchst wünschenswert, die katholische Soziallehre auch heute wieder mit vergleichbar konstruktiven Beiträgen wahrnehmen zu können, in denen etwa auch erfolgreiche sozial-marktwirtschaftlich geprägte Staaten als mögliche Vorbilder einer werte-orientierten Ordnungspolitik genannt werden, statt sie undifferenziert in eine allgemein gehaltene Kapitalismus-Kritik einzuschließen.
Verantwortete Marktwirtschaft in der Globalisierung
Die Erneuerung geeigneter Rahmenbedingungen für eine effiziente, sozial und ökologisch nachhaltige Wirtschaftsordnung stellt eine permanente Reformaufgabe auf allen politischen Gestaltungsebenen dar – von der nationalen über die europäische bis zur globalen. Ihr Gelingen setzt voraus, dass die erschöpften Werte-Batterien neu aufgeladen und die demokratiepolitischen Voraussetzungen bewusst gestärkt werden.
In besonderer Weise gilt dies für die Europäische Union. Sie steht vor der Herausforderung, trotz begrenzter politischer Durchsetzungskraft an der Neufassung der Spielregeln des globalen Wettbewerbs aktiver als bisher mitzuwirken. Dies fällt in einem von geopolitischen Umbrüchen und neuen Machtallianzen charakterisierten Umfeld zweifellos schwerer als in den Jahrzehnten grundlegender Werte-Übereinstimmung der Länder des „Westens“.
Für den europäischen Wirtschaftsstil einer sozial und ökologisch verantworteten Marktwirtschaft steht mittlerweile ein ganzes Repertoire an möglichen Bezeichnungen zur Verfügung. Da die wörtliche Übersetzung des Begriffs „Soziale Marktwirtschaft“ ins Englische nicht selten zu Missverständnissen führt, werden im anglo-amerikanischen Raum für das Gemeinte meist andere Definitionen verwendet – so etwa „responsible capitalism“ oder „redistributive capitalism“ (Adair Turner). Letztlich geht es aber nicht um Semantik, sondern um die begriffliche Klarheit darüber, dass es sich um eine „Marktwirtschaft mit Eigenschaften“ handelt, deren Rahmenbedingungen so zu gestalten sind, dass damit soziale und ökologische Verträglichkeit, aber auch Zukunftsoffenheit gewährleistet wird.
Europa muss sich in der doppelten Wortbedeutung dafür rüsten, dauerhaft in die Rolle einer Großmacht zu wachsen, die im neuen geopolitischen Machtspiel in seinem Bemühen um sachgerechte, menschengerechte und umweltgerechte Spielregeln ernst genommen wird und dadurch auch kritische Positionen vertreten und durchsetzen kann. Auch wenn die Sinnhaftigkeit des Bemühens um Wahrung traditioneller transatlantischer Achsen der Kooperation außer Streit steht, geht es letztlich um eine deutlich größere sicherheits- und wirtschaftspolitische Unabhängigkeit.
Der Balance-Akt zwischen Werte-Orientierung und dem Eingehen pragmatischer Allianzen zugunsten europäischer Wettbewerbsfähigkeit stellt sich bei allen aktuellen Themenfeldern künftiger globaler Spielregeln.
Ob es um kluge Kompromisse bei CO2-Zertifikaten geht, um die Sicherstellung eines Handelsfriedens, der den Zugang zu Rohstoffquellen offenhält, um die Einrichtung globaler Regelwerke für digitalen Austausch oder die Durchsetzbarkeit einer weltweit gültigen Mindestbesteuerung von Finanzerträgen: immer ist eine ideelle Güterabwägung gefragt. Ideologiebefreite Lösungen werden umso leichter fallen, je größer die grundsätzliche, parteiübergreifende Einigkeit Europas über sein wettbewerbs- und werteorientiertes Wirtschaftsmodell ist.
[1] Egon Matzner, Monopolare Weltordnung – Zur Sozioökonomie der US-Dominanz, Marburg 2000
[2] Hans-Peter Martin, Harald Schumann, Die Globalisierungsfalle – Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand, Hamburg 1996
[3] In seinem 1957 erschienenen Buch „Wohlstand für Alle“ legte der damalige deutsche Wirtschaftsminister und spätere Bundeskanzler Ludwig Erhard die Grundprinzipien der Sozialen Marktwirtschaft dar
[4] Francis Fukuyama verwendete diesen Begriff erstmals im Sommer 1989 in einem Beitrag für die Zeitschrift The National Interest. 1992 erschien unter diesem Titel sein weltweit beachteter Bestseller.
[5] „Die Welt von Gestern – Erinnerungen eines Europäers“, autobiographisches Werk von Stefan Zweig
[6] Zitat des deutschen Rechtsphilosophen und Verfassungsrichters Ernst-Wolfgang Böckenförde (1930-2019)
[7] Das „BRICS“-Bündnis besteht aus einer Gruppe von derzeit elf Ländern: Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika, Ägypten, Äthiopien, Iran, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Indonesien.
[8] Thomas Friedman, The world is flat, A brief History of the twenty-first Century; New York 2005
[9] So ging die Energiekrise der Siebzigerjahre auf die Ölkrisen von 1973 und 1979 zurück, die durch politische Ereignisse wie den Jom-Kippur-Krieg und die Islamische Revolution im Iran verursacht wurden.
[10] Am Gipfeltreffen der SCO (Shanghai Cooperation Association) in Tianjin am 31.08. und 1.09.2025 nahmen unter chinesischem Vorsitz Staats- und Regierungschefs aus zehn weiteren Mitgliedsstaaten teil, nämlich Indien, Russland, Iran, Pakistan, Weißrussland, Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan und Tadschikistan . Die SCO sieht sich als Vertretung von ca. 40% der Weltbevölkerung.
[11] Adam Smith (1723-1790) beschrieb die Metapher der „Unsichtbaren Hand“ erstmals in seinem 1776 erschienenen Werk „Der Wohlstand der Nationen“
[12] F.A.Hayek
[13] Papst Franziskus, Sozialenzyklika „Laudato si“, 2015
[14] Vgl. Wilfried Stadler, Soziale Marktwirtschaft – Auslaufmodell oder Leitbild für die Zukunft? Ordnungspolitische Gedanken zur Enzyklika „Evangelii Gaudium“, Beitrag für die Zeitschrift „Gesellschaft und Politik“ des Karl-Kummer-Institutes, Jänner 2016
[15] Vgl. Schasching, Johannes, Unterwegs mit den Menschen, Kommentar zur Enzyklika „Centesimus annus“ von Johannes Paul II., Europaverlag 1991