Beitrag in DIE FURCHE 1/2 8.Jänner 2026 zum Thema der Woche „Wie sicher ist unser Geld?
Inmitten globaler Umwälzungen setzt die EZB mit der Euro-Einführung in Bulgarien und Weichenstellungen in Richtung digitaler Euro ihren Stabilitätskurs fort. Gefahr droht 2026 von wild wuchernden Schattenbanken und Kryptowährungen.
„Denk ich an Europa in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht“: Der Abschied von der Schutzmacht USA und das Ringen um ein Ende des Ukraine-Krieges inmitten geopolitischer Machtverschiebungen legen es mitunter nahe, Heinrich Heines berühmte, ursprünglich auf Deutschland gemünzte Zeilen in abgewandelter Form zu zitieren.
Nur gut, dass wir diese drohende Schlaflosigkeit am Beginn eines finanzpolitisch wichtigen Jahres nicht auf unser Geldsystem beziehen müssen, hat sich doch die Gemeinschaftswährung Euro über mehrere Krisen hinweg als beständig erwiesen.
Nachdem es gelungen war, die Finanzkrise 2008 durch kluge geldpolitische Improvisation rasch zu entschärfen, folgte wenige Jahre darauf eine Staatsschuldenkrise, die den Euro-Raum zu sprengen drohte. Auch sie konnte durch die Europäische Zentralbank (EZB) unter ihrem damaligen Gouverneur Mario Draghi entschärft und letztlich gelöst werden.
Diese zweifach bestandene Bewährungsprobe berechtigt zur Zuversicht, dass auch kommende Verwerfungen auf den Finanzmärkten abgefangen werden können.
Ermöglicht wird dies vor allem dadurch, dass Europas Geldpolitik durch die Alleinverantwortung der Europäischen Zentralbank auf deutlich festeren Beinen steht, als die in ihrem Zusammenhalt immer wieder durch Parteilichkeiten und Einzelinteressen von Mitgliedsstaaten gefährdete Europäische Union.
Eurozone wächst und wächst
Wenig verwunderlich also, dass sich zu Jahresbeginn mit Bulgarien ein weiterer EU-Staat der dann bereits 21 Mitglieder zählenden Euro-Zone anschließt. Mit Blick auf Inflationsrate und Haushaltsdisziplin (die aktuelle Schuldenquote von nur 24 Prozent des BIP ist die zweitniedrigste der EU) erfüllt das Land alle geforderten Voraussetzungen. Nach nicht weniger als sieben Parlamentswahlen seit 2021 erfolgt diese Weichenstellung trotz des jüngsten Rücktritts der Regierung.
Auch als Kroatien zu Beginn 2023 Euro-Mitgliedsland wurde, gab es anfängliche Ängste, die sich jedoch bald legten. Heute will dort niemand mehr zurück in die alte Nationalwährung. Die Wachstumschancen im EU-Binnenmarkt lassen sich nun einmal nur dann voll ausschöpfen, wenn es keine Kursschwankungen zwischen den Teilnehmerstaaten gibt.
Aufbruch zum digitalen Euro
Noch viel grundlegendere Geld-Neuigkeiten sind in der kommenden Zeit in Sachen „digitaler Euro“ zu erwarten. Die EZB hat zuletzt die Vorbereitungen für diese wohl bedeutsamste Weichenstellung seit Einführung der Gemeinschaftswährung stark intensiviert. Seit außer Streit gestellt wurde, dass der digitale Euro das Bargeld keinesfalls ersetzen, sondern ergänzen wird, steigt nach anfänglichen Bedenken die Akzeptanz dieser alternativen Variante von Zentralbankgeld. Ziel ist eine kostenlose Zahlungsmöglichkeit, die sicheres Bezahlen mit der Stabilität einer eigenen europäischen Infrastruktur verbindet.
Dass in einer Zeit von Handelskriegen und einer brüchig gewordenen transatlantischen Achse das Bedürfnis nach mehr Unabhängigkeit von ausländischen – insbesondere amerikanischen – Systemen des Geldtransfers zunimmt, trägt zur wachsenden Zustimmung bei.
In den kommenden Monaten wird noch um die Finalisierung des endgültigen Konzepts gerungen. Unter anderem ist zu klären, wie Interessenskonflikte mit dem bestehenden Bankensystem, das um kostengünstige Einlagengelder fürchtet, vernünftig geschlichtet werden können. Schon jetzt steht fest, dass es Höchstgrenzen für die Veranlagung auf digitalen Konten bei der EZB geben wird. Auch werden alle Einzeldaten von Überweisungsvorgängen zur Sicherstellung der Vertraulichkeit bei den Banken verbleiben.
Im Echtbetrieb wird der digitale Euro die privatwirtschaftlichen Zahlungssysteme auf eine Weise ergänzen, die es europäischen Finanzdienstleistern ermöglicht, ihr Serviceangebot auszubauen und in der Folge das heute von amerikanischen Kreditkarten-Anbietern dominierte Geschäft zu übernehmen. Dadurch soll es zu einer spürbaren Entlastung für Konsumenten und den Handel von den heute an die dominanten US-Kreditkartenanbieter fließenden Gebühren kommen.
Gegen Jahresmitte 2026 sollte der erforderliche Rechtsrahmen stehen, um 2027 mit einem Pilotprojekt zu starten und den Echt-Einsatz des digitalen Euro ab 2029 zu ermöglichen. Dass eine im Endausbau gut funktionierende digitale Euro-Welt weitere EU-Mitgliedsstaaten dazu motivieren könnte, der Euro-Zone beizutreten, ist durchaus vorstellbar und wünschenswert.
Geldpolitische Verunsicherung
Wenn wir uns im Euro-Raum auf die Kompetenz der EZB verlassen können – gibt es dann überhaupt vernünftige Gründe für eine in der öffentlichen Wahrnehmung spürbar steigende geldpolitische Verunsicherung? Leider ja, es gibt diese Gründe und sie nehmen an Einflusskraft auf die Stabilität der Geldsysteme der Welt laufend zu!
Da sind zum einen außerhalb des regulierten Bankensystems unkontrolliert expandierende Schattenbanken – ein Sammelbegriff für Investmentfonds, große Vermögensverwalter oder Hedge-Fonds, die häufig von weitgehend steuerbefreiten Standorten aus operieren. Sie treffen kurzfristige Anlageentscheidungen zunehmend mit Unterstützung durch Künstliche Intelligenz. In einer von sozialen Medien und nicht selten gezielt platzierten (Falsch-)Meldungen beeinflussbaren Finanz-Entscheidungswelt lassen sich damit Marktbewegungen auslösen, die darauf vorbereitete Investoren begünstigen. Kurs- und Preis-Absicherungsgeschäfte ohne jeden realwirtschaftlichen Hintergrund wachsen so ins Uferlose, Spekulation wird zum dominanten Investitionsmotiv.
Eine weitere Quelle wachsender systemischer Gefahren liegt im Wildwuchs der so genannten Krypto-Währungen. Seit sich US-Präsident Trump als Promotor dieser spekulativen Konstrukte aufspielt und damit privat dreistellige Dollar-Millionen-Beträge einstreift, nimmt die Zahl der Marktteilnehmer dieses Pyramidenspiels exponentiell zu. In bestürzend opportunistischer Weise gesellen sich Großbanken und Investmentfonds dazu, die lange einen Bogen darum gemacht hatten. Kaum jemand stört noch, dass sich der Erfinder der Kunst“währung“ Bitcoin, die sich auf die energieintensive Blockchain-Technologie stützt, bis heute unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto versteckt.
Vehikel für Finanzbetrügereien
Die zuletzt drastischen Kursschwankungen von Bitcoin, das mit seiner fiktiven Limitierung auf 21 Millionen Einheiten eine trügerische Wertsicherung verspricht, ändern nichts am wachsenden Geldfluss in alle nur denkbaren Varianten von Kunst-Geldern. Sie alle bieten gegenüber den von unabhängigen Notenbanken regulierten Währungen, denen reale volkswirtschaftliche Leistungen gegenüberstehen, keinen wie immer gearteten Zusatznutzen. Nur allzu oft dienen sie als Vehikel exzessiver Finanzbetrügereien.
Solange es sich noch um Experimente mit spielerischem Charakter handelte, konnte man vernachlässigen, was sich auf den Kryptomärkten tat. Seit sie jedoch an Volumen zulegen und durch die Einbindung in zahnlose Regelwerke scheinbar an Transparenz gewinnen, wächst auch aus dieser Quelle die Gefahr, dass uns zu einem nicht prognostizierbaren Zeitpunkt eine nächste Finanzkrise um den Schlaf bringt.
Bei allem Vertrauen in die Kompetenz der EZB, auch deren Folgen abzuwehren: Besser wäre es, diesen gefährlichen geldpolitischen Notfall durch konsequente Einhegung rein spekulativer Investitionen und Pseudo-Finanzprodukte gar nicht erst zu riskieren!