DICHTUNG, ZU-MUTUNG, WAHRHEIT
EINE ERINNERUNG AN INGEBORG BACHMANN ANLÄSSLICH IHRES HUNDERTSTEN GEBURTSTAGS
Zu Anfang Mai 2026 las Burgschauspielerin Caroline Peters im Akademietheater Ausschnitte aus der von Autorin Andrea Stoll präsentierten Biografie von Ingeborg Bachmann. „Zwei Menschen sind in mir“ nennt Stoll ihr kostbares, so faktenreiches wie einfühlsames Werk.
Dieser so besondere Abend weckte in mir Erinnerungen an erste Begegnungen mit den Dichtungen Ingeborg Bachmanns in der Salzburger Gymnasialzeit. Wir hatten damals das Glück, dass mehrere Familien von Schulfreunden musisch engagiert waren und zu sich nach Hause zu Lesungen und Kammerkonzerten einluden. Dort begegneten wir auch Werken des frühen Handke und des enigmatischen Paul Celan. Zu unserem Freundeskreis gehörte damals auch Georg Schuchter, der später Burgschauspieler wurde und durch einen Bergunfall viel zu früh ums Leben kam.
Für unsere Generation der „Gnade der späten Geburt“ waren diese Jahre eine Zeit des Aufbruchs inmitten all der Verdrängungen der Elterngeneration. Die von uns verehrten Dichter kämpften dagegen an, allen voran Bachmann mit ihrer so befreienden Ansage: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“.
Bachmanns Lyrik spornte überdies zu eigenen poetischen Experimenten an. „Celanisieren“ nannte ich den Versuch, Impressionen und Assoziationen in rätselhafte Verse zu fassen, den ich nach der Matura weitgehend abschloss.
Es gab jedoch eine Ausnahme: Sie ist auf den glücklichen Zufall zurückzuführen, dass ich Ingeborg Bachmann zu Beginn meiner Wiener Studienzeit im Mai 1971 bei einer Lesung aus ihrem Roman „Malina“ in der Gesellschaft der Literaturfreunde erleben durfte. Es war das Jahr nach dem Selbstmord Celans, mit dem sie über viele Jahre in unerfüllbarer Liebe verbunden gewesen war. Seit diesem Leseabend blieb mir die Persönlichkeit dieser Ausnahme-Dichterin in lebendiger Erinnerung.
Als Ingeborg Bachmann zwei Jahre danach unter dramatischen Umständen in Rom verstarb, verfasste ich deshalb in Betroffenheit ein ihr gewidmetes – und zugleich mein letztes – Gedicht für die von Milo Dor und Reinhard Federmann herausgegebene Literaturzeitschrift „Pestsäule“.
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