Die furche - 104

Der gefährliche Turmbau zu Basel

 

Die Kosten für Bankkredite und Anleihen sind so günstig wie seit Jahrzehnten nicht – und dennoch löst die Niedrigzinspolitik der Notenbanken in den Unternehmen keine neuen Impulse aus. Schuld daran ist nicht nur die durch Budgetkrisen gedämpfte Konjunktur, sondern auch eine verkorkste, an den wirklichen Ursachen der Bankenkrise vorbeizielende Reform der Spielregeln für Banken.

Während nämlich das erste Regelwerk von „Basel I“ 1988 noch mit 30 Seiten auskam, zwingt „Basel III“ mit seinen über 600 Textseiten die Finanzinstitute dazu, immer mehr qualifiziertes Personal für die Administration des unüberschaubaren Regulativs einzusetzen, während zugleich das Geschäft mit den Unternehmenskunden drastisch erschwert wird. Ganz so, als hätte die Finanzkrise von der „Realwirtschaft“ ihren Ausgang genommen und nicht von einer durch zügellose Bilanzdehnung entgleisten Finanzwirtschaft.

In Vieraugen-Gesprächen gestehen hochrangige Finanzmarkt-Aufseher mittlerweile ein, sich im Regelgewirr selbst nicht mehr auszukennen. Der britische Notenbanker Andrew Haldane warnt sogar ausdrücklich davor, den unseligen „Turmbau zu Basel“ fortzusetzen. Statt finanzmathematisch ausgeklügelter, aber letztlich vergeblicher Versuche, zukünftige Risiken berechenbar zu machen, sollten wenige, einfache Grundsätze den Regel-Wust ersetzen. Deren wichtigster: ein solider Sockel an „echtem“ Eigenkapital – eben das, was jede Bank dieser Welt auch von Unternehmen erwartet, wenn sie Kredite brauchen.

Nun fordern Länder wie England und Schweden vernünftigerweise die Möglichkeit, ihren Banken höhere Eigenkapital-Quoten vorschreiben zu können, als es der Entwurf für Basel III vorsieht. Dieser Wunsch wird vom europäischen Parlament jedoch mit der absurden Begründung abgelehnt, man wolle damit verbundene Wettbewerbsvorteile vermeiden. Dabei wäre nichts wünschenswerter als ein Wettbewerb um höhere Eigenmittelstandards – wie sie die Schweiz im Übrigen längst autonom eingeführt hat.

Fest steht, dass das „echte“ bilanzielle Eigenkapital der größten deutschen Banken bei lediglich 3,5 Prozent liegt, während zugleich ein „Kernkapital“ von 13 Prozent ausgewiesen wird. Möglich ist diese nicht nur optische Täuschung durch das Prinzip der sogenannten „Risikogewichtung“, das die Rating-Einstufungen des Augenblicks zur Messlatte für den gegen künftige Risiken vorgeschriebenen Eigenkapitalpuffer macht. Damit wird ein Konzept prolongiert, das 2008 direkt in die Finanzkrise geführt hat.

Dass der unabdingbare Aufbau von mehr „echtem“ Eigenkapital mit einem schrittweisen Abbau der durch zu hohe Verschuldung aufgeblähten Bilanzsummen einhergeht, birgt die Gefahr einer weiteren Kredit-Verknappung. Sie ließe sich aber vermeiden, wenn die für die Berechnung des Banken-Eigenkapitals maßgeblichen Risikogewichte endlich zugunsten der Unternehmen korrigiert werden.

Die Verschiebung der Einführung von Basel III bietet nun eine wohl letzte Chance, den gefährlichen Turmbau durch ein solideres Regelwerk zu ersetzen. 

06. Dezember 2012

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